Gipfelstürmer am Matthorn: 6 Stunden, 3500 Kalorien und ein weiser Entschluss
Willkommen zurück auf TomOnTour.ch! Wer mich kennt, weiss: Egal ob auf zwei Rädern oder zu Fuss, der Weg ist das Ziel. Heute nehme ich euch mit auf eine Bergsteigertour, die mir körperlich einiges abverlangt, mich aber mit Ausblicken belohnt hat, die man so schnell nicht vergisst. Das Ziel? Das Matthorn im Pilatus-Massiv.

Der Tag begann mystisch. Tiefe, schwere Wolken hingen über dem Vierwaldstättersee und tauchten die Zentralschweiz in ein dramatisches Licht. Genau das richtige Wetter, um sich den Elementen zu stellen.

Der Aufstieg startete im dichten, satten Grün der Wälder. Jeder Schritt auf den teils feuchten Pfaden und über stählerne Brücken erforderte Konzentration. Die Luft war kühl und klar – perfektes Bergsteiger-Klima. Je höher ich kam, desto mehr öffnete sich die Landschaft, auch wenn die grauen Wolken mein ständiger Begleiter blieben.
Begegnungen im Nebel und ein spontaner Routenwechsel


Oberhalb der Baumgrenze, wo die steilen, grünen Alpwiesen beginnen, traf ich auf die wahren Einheimischen dieser Höhenlagen. Eine Herde brauner Kühe graste seelenruhig an den extrem steilen Hängen, das Läuten ihrer Glocken durchbrach die Stille des Nebels. Es hat immer etwas ungemein Beruhigendes, diese Tiere in dieser rauen Umgebung zu beobachten, wie sie sich genüsslich an den Wassertrögen erfrischen.


An einem markanten Holzkreuz und den darauffolgenden Wegweisern stand eine Entscheidung an. Unmittelbar vor der Verzweigung, an der die Massen normalerweise in Richtung Pilatus und Chilchsteine abbiegen, entschied ich mich für einen anderen Weg. Ich wählte die linke Route, die direkt zum Matthorn hinaufführt. Eine Variante, die ich in dieser exakten Form noch nicht gegangen bin. Es ist immer wieder spannend, auf altbekanntem Terrain neue Pfade zu erkunden!
Der Gipfel: Über den Wolken

Der Aufstieg war zäh. Die Waden brannten, der Schweiss floss in Strömen. Doch je höher ich stieg, desto öfter rissen die dichten Wolkenfelder auf und gaben den Blick auf das tiefblaue Wasser des Sees und die umliegenden Täler frei.
Nach knapp 6 Stunden harter Arbeit und über 3'500 verbrannten Kilokalorien war es geschafft: Ich stand auf dem Gipfel. Zeit, die Beine in den markanten gelben Bergschuhen über den Felsklippen baumeln zu lassen und tief durchzuatmen. Es sind genau diese Momente, in denen die Welt da unten für einen Augenblick stillsteht.
Ein kleiner historischer Exkurs: Wusstet ihr, dass das gesamte Pilatus-Massiv früher als verflucht galt? Im Mittelalter glaubte man, dass in den zerklüfteten Höhlen Drachen hausten. Noch gruseliger ist die Legende um Pontius Pilatus: Sein ruheloser Geist soll im ehemaligen Pilatussee (der heute ausgetrocknet ist) sein Unwesen getrieben haben. Jahrelang stand das Besteigen des Berges in Luzern sogar unter strenger Strafe, weil man fürchtete, unbedachte Wanderer könnten den Geist erzürnen und so furchtbare Unwetter über die Region bringen. Heute fürchten wir glücklicherweise keine Geister mehr – höchstens den Muskelkater am nächsten Tag!
Vernunft siegt: Mit der steilsten Zahnradbahn der Welt ins Tal
Nach der wohlverdienten Gipfelrast machte ich mich an den Abstieg. Mein Weg führte mich hinunter bis zur Mittelstation Ämsigen. Von dort aus traf ich eine bewusste Entscheidung gegen den restlichen Fussmarsch und für die Pilatusbahn hinab nach Alpnachstad.
Warum? Weil manchmal Vernunft wichtiger ist als falscher Ehrgeiz. Es steht noch die finale Trainingstour durch Südtirol mit dem Motorrad an. Meine Knie jetzt beim extrem steilen Abstieg zu überlasten oder gar eine Verletzung zu riskieren, würde mein absolutes Herzensprojekt gefährden: Die grosse Motorrad-Expedition zum Nordkap im August. Da gehe ich lieber auf Nummer sicher.

Zudem ist die Fahrt mit der Pilatusbahn ein Erlebnis für sich und ein Stück faszinierender Schweizer Ingenieurskunst. Sie wurde 1889 eröffnet und ist bis heute mit einer maximalen Steigung von 48 Prozent die steilste Zahnradbahn der Welt. Der geniale Ingenieur Eduard Locher konstruierte damals ein revolutionäres System mit zwei waagerecht drehenden Zahnrädern, das verhinderte, dass die Wagen bei dieser extremen Neigung aus den Gleisen sprangen. Ein Meisterwerk, das mich heute sicher, knieschonend und mit bester Aussicht zurück ins Tal brachte.
Ein grandioser Tag am Berg geht zu Ende. Die Beine sind schwer, der Kopf ist frei – das Training für die kommenden grossen Projekte läuft!
Bis zum nächsten Abenteuer
Euer Tom